Es gibt einen verbreiteten Irrtum darüber, wie Menschen ins Radio kommen. Er lautet, dass Redaktionen nach Fachleuten suchen und den besten auswählen. Tatsächlich suchen Redaktionen unter Zeitdruck jemanden, der zum Thema passt, erreichbar ist und verständlich spricht, und sie nehmen den ersten, der diese drei Bedingungen erfüllt.

Das ist eine gute Nachricht, denn alle drei Bedingungen lassen sich beeinflussen. Wir sitzen selbst regelmäßig in solchen Gesprächen, meist zu Beziehungs- und Kommunikationsthemen, und beraten Kunden dabei. Was folgt, ist die Innenansicht.

Wie ein Thema in die Sendung kommt

Der Ablauf ist unspektakulärer, als man denkt. Eine Redaktion plant ihre Themen teils langfristig, teils am Vortag. Der langfristige Teil folgt dem Kalender: Jahrestage, Feiertage, Schulanfang, Zeitumstellung, Valentinstag, das Ende der Sommerferien. Der kurzfristige Teil folgt dem, was gerade passiert.

Für Sie ist der langfristige Teil der interessante, weil er planbar ist. Zu jedem Kalenderthema gibt es einen Fachwinkel, und die Redaktion braucht dafür jedes Jahr aufs Neue jemanden. Wer sich zwei Monate vorher meldet und einen konkreten Winkel anbietet, kommt in eine Liste. Wer sich am Tag davor meldet, kommt zu spät, weil da schon jemand gebucht ist.

Suchen Sie sich deshalb drei bis fünf Kalendertermine im Jahr, an denen Ihr Fachgebiet ohnehin gefragt ist, und melden Sie sich rechtzeitig. Das ist der ganze Trick, und er ist erstaunlich wirksam.

Warum die meisten Anfragen sterben

Redaktionen bekommen sehr viele Angebote. Die allermeisten sind unbrauchbar, und zwar aus demselben Grund: Sie bieten eine Person an, kein Thema.

„Ich bin Fachmann für X und stehe für Interviews zur Verfügung“ ist aus Sicht der Redaktion keine Information, sondern zusätzliche Arbeit. Jemand müsste sich jetzt überlegen, wofür man Sie brauchen könnte.

Was funktioniert, ist der umgekehrte Weg: ein fertiger Vorschlag mit einem Titel, drei Sätzen dazu, warum es jetzt interessant ist, und einer Zeile, warum Sie dazu etwas sagen können. Dazu eine Telefonnummer, unter der Sie tatsächlich rangehen.

Der letzte Punkt klingt banal und ist der häufigste Ausschlussgrund. Eine Redaktion, die um elf Uhr für die Mittagssendung jemanden braucht, ruft drei Nummern an. Wer nicht rangeht, ist raus, und zwar nicht nur heute.

Was in der Mail stehen muss

Kurz. Eine Bildschirmseite ist zu lang. Betreffzeile mit dem Thema, nicht mit Ihrem Namen. Vorschlag in drei Sätzen. Ein Satz zur Person. Telefonnummer. Keine Anhänge, keine Broschüre, kein Foto, das drei Megabyte hat.

Und ein Punkt, den fast niemand macht: Schreiben Sie dazu, welche Aussage Sie treffen werden. Nicht das Thema, sondern die These. Redaktionen suchen keine Übersichten, sie suchen jemanden, der etwas sagt. „Die meisten Trennungen scheitern nicht an der Trennung, sondern an den drei Wochen davor“ ist ein Angebot. „Ich kann etwas zum Thema Trennung sagen“ ist keines.

Die halbe Stunde vor dem Interview

Wenn die Zusage kommt, entscheidet die Vorbereitung darüber, ob Sie wieder eingeladen werden. Drei Dinge zählen.

Klären Sie das Format. Live oder aufgezeichnet, wie lang, und wird gekürzt? Ein aufgezeichnetes Gespräch von zwanzig Minuten, aus dem neunzig Sekunden gesendet werden, verlangt eine völlig andere Sprechweise als ein Livegespräch über fünf Minuten. Im ersten Fall müssen Ihre Sätze einzeln funktionieren, weil sie einzeln herausgeschnitten werden.

Legen Sie sich drei Aussagen zurecht, nicht dreißig. Sie werden nicht alles unterbringen, was Sie wissen, und der Versuch ist der häufigste Fehler von Fachleuten im Radio. Drei Sätze, die Sie auf jeden Fall gesagt haben wollen, und zu jedem ein konkretes Beispiel.

Üben Sie den Anfang. Die erste Antwort setzt den Ton für das ganze Gespräch. Wenn sie mit „Also, das ist natürlich sehr komplex“ beginnt, ist das Gespräch schon verloren.

Wie man im Radio spricht

Der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Gesprächspartner liegt selten im Fachwissen. Er liegt in der Satzlänge.

Hörfunk hat kein Bild, keine Zwischenüberschrift und keine Möglichkeit zurückzublättern. Ein Nebensatz, der drei Einschübe enthält, ist beim Hören verloren. Sprechen Sie in Hauptsätzen. Sagen Sie die Schlussfolgerung zuerst und die Begründung danach, nicht umgekehrt.

Und benutzen Sie Zahlen sparsam. Eine Zahl bleibt hängen, vier Zahlen löschen sich gegenseitig aus.

Was ein Interview Ihnen tatsächlich bringt

Hier gehört die Erwartung geradegerückt. Ein Radiointerview bringt selten unmittelbar Kunden. Es bringt zweierlei anderes, und beides ist mehr wert.

Es bringt Belegbarkeit. „War zu Gast bei“ ist auf einer Website, in einem Angebot und in einer Bewerbung um einen Vortrag eine andere Aussage als jede Selbstbeschreibung. Und es bringt weitere Anfragen, denn Redaktionen hören einander zu. Wer einmal gut war, wird wieder gefragt, oft von einem anderen Sender.

Der Aufbau dauert deshalb zwei bis drei Jahre und beschleunigt sich dann von selbst. Das ist die unspektakuläre Wahrheit über Medienpräsenz, und sie ist der Grund, warum die meisten aufhören, bevor es anfängt zu wirken.

Wobei wir helfen

Wir beraten Unternehmen und Selbstständige dabei, ihre Themen so zuzuschneiden, dass Redaktionen etwas damit anfangen können, und begleiten die Vorbereitung auf Interviews. Was das im Einzelnen umfasst, steht unter Öffentlichkeitsarbeit.

Der ehrliche Hinweis dazu: Den Kalenderteil aus dem zweiten Abschnitt können Sie ohne Hilfe machen, und er ist der wirksamste. Fangen Sie damit an.